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DIE WIRKLICHKEIT

ALS AUFGABE UND ERFINDUNG

Wir dürfen ja nicht in der Beschreibung steckenbleiben.  Denn wir schreiben ja   nicht, um zu beschreiben,  sondern um beschreibend zu verändern. 

Anna Seghers

  Alles Bestehende hat Wert, wenn es änderbar ist. 

  Christoph Hein

  Knowing is not a bounded or closed practice, but an ongoing performance of the    world.

Karen Barad

  Thus, even when they themselves have defined their model, physicists may be     surprised by what they discover. They must learn what their model is able  to    produce, not deduce it .

Isabelle Stengers

 

                            « I love to sail forbidden seas and land on barbarous coasts » –  so heißt es bei Herman Melville; die Physikerin Chiara Marletto  beschreibt heute die Suchbewegungen des Forschens analog, unter Hinweis auf Darwins Expedition an Bord der « Beagle »; Niels Bohr meinte angesichts der Entdeckung der « Quantenwelt »: « Wir sind also gewissermaßen in der Lage eines Seefahrers, der in ein fernes Land verschlagen ist, in dem nicht nur die Lebensbedingungen ganz andere sind, als er sie aus seiner Heimat kennt, sondern in dem auch die Sprache der dort lebenden Menschen ihm völlig fremd ist. »

Keine allumfassende Kenntnis der Wirkkräfte der Natur und der Position ihrer Lebewesen erlaubt es, den gegenwärtigen Zustand des Universums als Wirkung des vorhergegangenen und als Ursache des Folgenden zu verstehen – so hatte Laplace die klassische mechanische Weltsicht charakterisiert, die wir inzwischen als unzureichend ansehen müssen.

Als Herman Melville seinen Roman « Moby Dick » schrieb, war das Bewusstsein einer angespannten gesellschaftlichen Gemengelage stark, kurze Zeit danach brach der amerikanische Bürgerkrieg aus. Niels Bohr lebte in einer Zeit zerstörerischer Konflikte,  sein Zeitgenosse Ludwik Fleck, Mikrobiologe und Immunologe, stellte fest, dass « bedeutsame Entdeckungen sehr oft in Epochen sozialer Wirrnis entstehen ».

In unserer Situation erscheint es dringend erforderlich, nicht in alten Gewohnheiten des Tuns und Denkens zu verharren. Der Ingenieur Robert Musil schrieb: « Kunst zeigt, wo sie Wert hat, Dinge, die noch wenige gesehen haben. Sie ist erobernd, nicht pazifizierend. »

Was es heißen könnte, zu neuen Horizonten aufzubrechen, soll in diesem Semester an einigen Beispielen erörtert werden.

Mit Texten von Hannah Arendt, Robert Musil, Uwe Johnson, Herman Melville, Ludwik Fleck, Isabelle Stengers, Hans-Jörg Rheinberger, Chiara Marletto  u.a.

Das Schreiben, so behaupte ich, ist selbst ein Experimentalsystem. Es ist eine Versuchsanordnung. Es ist nicht nur ein Aufzeichnen von Daten, Tatbeständen oder Ideen. Es ist auch nicht einfach der billige Ersatz für die lebendige Rede. Es ist nicht einfach das transparente Medium der Gedanken. Es gibt den Gedanken eine materielle Verfassung – und zwar eine, die das Entstehen von Neuem ermöglicht. Auch die Schrift begründet Bahnen, auf denen Spuren hinterlassen werden und über die man, indem man das tut, hinausgehen kann.                                                 Hans-Jörg Rheinberger